Wie wir von Pferden für das menschliche Miteinander lernen können

Die Dominanzfrage ist derzeit eines der am lebhaftesten diskutierten Themen der modernen Pferdeszene, denn immer mehr wird bekannt, dass in der Art der Führung einer Herde signifikante Unterschiede gibt. Meine Beobachtung ist es, dass die Führung friedlicher und gelassener ausfällt, je weniger Stress die Pferde ausgesetzt sind. Auch kann ich die streng lineare Rangfolge nicht bestätigen. In der Herde, in der mein Pferd lebt, ist die Rangfolge sehr komplex und fällt je nach Funktionskreis unterschiedlich aus. Selbst der Leitwallach lässt sich mal von einem jungen Wilden vom Heu verscheuchen, obwohl er bei Gefahrensituationen den Ton angibt und seine Stuten vehement vor Neuankömmlingen abschirmt. Auch innerhalb der Kleingruppen fällt die Rangfolge oft anders aus als im großen Herdenverband.

Kurz: Es kommt immer darauf an, wer wo und in welchem Zusammenhang aufeinander trifft.

Wer sich mit der Dominanzfrage auseinandersetzt, tut gut daran, auch einen Blick auf die "menschliche Herde" des Stalls zu werfen. Das ist vor allem deshalb sinnvoll, weil die Pferde es uns oft spiegeln, wenn das Klima im Stall gestört ist. Je stärker die Zickereien und Lästereien unter den Menschen ausfallen, desto sensibler reagieren ihre Pferde darauf. Schließlich spüren sie ganz genau, dass bei ihrem Besitzer Spannungen auftauchen, sobald sie den Stall betreten, und sie oft sogar unterschwellig Angst mit sich herumschleppen. Beides überträgt sich automatisch auf den Pferderücken.

 

Raus aus dem Täter-Opfer-Spiel

 

Nun kann aber ja nicht immer alles in Butter sein und traute Harmonie herrschen - schließlich sind es vor allem die zwischenmenschlichen Konflikte, an denen wir wachsen und in denen wir uns selbst besser erkennen können. Insofern ergibt es für mich auch wenig Sinn, bei Konflikten mit dem Finger auf andere zu zeigen und sie als den Schuldigen zu titulieren. Das ist zwar ein beliebter und recht einfacher Weg, doch er erstickt jegliche Weiterentwicklung im Keim. Der andere ist dann eben schuld, basta, und dann? Wo bleibt die Beweglichkeit, wo können wir noch aufeinander zugehen und uns offen in die Augen blicken, zumal wir uns in diesem Moment des Beschuldigens unweigerlich als Opfer hinstellen? Der andere ist ja der "Böse", der dies und jenes gesagt hat und wir haben es doch nur gut gemeint. Wir gehen damit aus der Eigenverantwortung und berauben uns selbst unserer Möglichkeiten.

Würden Pferde auf diese Weise agieren, wären sie längst ausgestorben. Eine Herde lebt von ihrem Zusammenhalt, denn er gewährt den Mitgliedern maximale Sicherheit. Das bedeutet nicht, dass unter den Pferden immer eitel Sonnenschein herrscht. Der Tierfilmer Marc Lubetzki zeigt in einem Video zu dem Thema "Mythos Leithengst", wie ein erfahrener Hengst einer Wildpferdeherde ein ausgebüchstes Fohlen, das auf Entdeckertour war, entschieden zurück zur Herde treibt. Das tut er nicht, um das Fohlen zu ärgern, sondern um es zu schützen. Dem Fohlen passt das zwar nicht, aber es muss sich fügen - eine ganz normale Situation.

 

Führung ist unverzichtbar

 

Auch in einer Stallgemeinschaft muss es einen Führenden geben - im Idealfall der Stallbesitzer. Viele Stallbesitzer in kleinen, privat geführten Offenställen wollen dies nicht so richtig. Sie wollen ja nicht zu dominant sein, nicht die Peitsche schwingen, sondern ein freundschaftliches Verhältnis zu ihren Stallmitgliedern haben, auf Augenhöhe mit ihnen sein - ein grundsätzlich zu befürwortender Ansatz.

Doch es ist gar nicht nötig, die Peitsche zu schwingen, um zu führen. Eine souveräne Führung ist verbindend, nicht trennend - und selbstverständlich ist sie gerade deshalb eine Herausforderung. Es wird immer einmal Situationen geben, in denen der Führende eine klare Entscheidung fällen und diese auch vertreten können muss. Das wird nicht jedem Einsteller passen, doch der Ton macht die Musik. Aus dem Herzen gesprochen und aus einer klaren Haltung heraus wirken Worte nicht wie Waffen, sondern deeskalierend, verbindend und reinigend. Das hat weder etwas mit einem autoritären Führungsstil zu tun noch mit brutaler Dominanz.

 

Voraussetzung ist natürlich, dass der Stallbesitzer seine Führungsrolle bewusst annimmt und sie "lebt" - und das stets im Sinne des Ganzen und im Sinne der Gemeinschaft von Mensch und Tier. Dies schließt nicht aus, dass Einzelmeinungen angehört werden und auf Einzelne Rücksicht genommen werden kann - beispielsweise, wenn ein Pferd schwer krank ist und eine Sonderbehandlung braucht, auch wenn diese das bestehende System erst einmal durcheinander schmeißt. Gleichzeitig gilt es darauf zu achten, dass einzelne Stallmitglieder ihr Pferd nicht manipulativ dazu einsetzen, Sonderrollen einzunehmen und bestehende Abläufe mutwillig durcheinander zu bringen - beispielsweise indem sie ihr Pferd immer wieder von der Herde separieren, obwohl dies nicht notwendig ist, oder sich gar in die Verantwortungsbereiche anderer einmischen und beginnen, für deren Pferde mitzuentscheiden.

Hier ist ein wacher, aufmerksamer Blick notwendig, ganz so, wie der Leithengst einer Herde ihn haben sollte. Ihm darf nichts entgehen, doch es ist destabilisierend für die Herde, wenn er wegen jedem kleinsten Unruheherd in blinden Aktionismus verfällt. Denn das kostet ihn und die anderen Pferde unnötig viel Energie.

 

In der Ruhe liegt die Kraft

 

Wenn der Stallbesitzer nicht souverän, verbindend und gelassen führt, werden sich automatisch andere Stallmitglieder dazu berufen fühlen - und der Ärger ist vorprogrammiert. Allerdings ist es nicht zu vermeiden, dass es auch innerhalb der geführten Stallgemeinschaft Menschen gibt, die tonangebend sind, und andere, die sich eher zurückziehen und im Zweifelsfall schweigen, anstatt den Mund aufzumachen. Wichtig ist es, diese charakterlichen Unterschiede nicht zu werten. Auch müssen wir die anderen Einsteller nicht mögen. Doch solange sie unsere Pferde in Ruhe lassen und sich nicht ungefragt in unserem Umgang mit unseren Pferden einmischen, gilt es auch, sie in Ruhe zu lassen. Das ist eine unserer schwersten Übungen, denn heute sind wir es mehr denn je gewohnt, uns zu allem und jedem eine Meinung zu bilden und ebenso schnell sind wir mit Bewertungen auf der Gut-Schlecht-Skala dabei. Beides ist nicht friedensfördernd, sondern sorgt für Misstrauen, Disharmonie und Konkurrenzdenken - all das, was eine Herde von Wildpferden massiv gefährden würde.

 

Ausblick

 

Was können wir als Einsteller also dafür tun, um den Frieden der Stallgemeinschaft und den unserer Pferde zu fördern? Ich habe folgende innere Ausrichtungen als hilfreich empfunden:

 

- In der eigenen Welt und im eigenen Frieden bleiben (ein guter Weg dorthin ist die Achtsamkeitsmeditation)

 

- Mich auf mein Pferd konzentrieren und mich nicht davon ablenken lassen

 

- Anderen Einstellern freundlich und verbindend begegnen (Grundregeln der Höflichkeit pflegen - ganz egal, ob ich das, was sie tun, als sinnvoll empfinde oder nicht; es ist nicht mein Verantwortungsbereich!)

 

- Mich mit Anliegen bezüglich meines Pferdes direkt und vis-a-vis an den Stallbesitzer wenden

 

- Lästereien ausbremsen, indem ich auf andere Themen umschwenke oder das Positive des Beschuldigten heraushebe (der Spaß am Lästern geht dann sehr rasch verloren ;-) )

 

- Mich immer wieder auf die verbindenden Elemente zwischen den Stallmitgliedern konzentrieren: Wir alle lieben Pferde, auch wenn wir diese Liebe unterschiedlich ausleben

 

- Mich nicht von den Meinungen anderer in meinem Weg beirren lassen (setzt für mich jedoch voraus, den eigenen Weg regelmäßig zu hinterfragen)

 

- Mich nicht mit anderen und deren Leistungen vergleichen. Vergleiche sind sinnlos, da wir alle unterschiedlich sind und unterschiedliche Pferde und Ziele haben

 

- Den Führenden akzeptieren und ihn ggf. in seiner Führungsrolle unterstützen

 

- Energie halten können: nicht reflexartig zu agieren oder reagieren, wenn eine unangenehme Situation zwischen den Einstellen entsteht, sondern eine oder zwei Nächte darüber schlafen. Das kann Wunder wirken.

 

(verfasst von Bettina Belitz, 2017)