"Meinem Pferd geht's gut, das steht ja draußen":

Das große Missverständnis Offenstall

Warum der Offenstall Pferde nicht automatisch glücklich macht

Kontakt mit Artgenossen, Außenreize und Bewegung - diese Kombination ist Gold wert.
Kontakt mit Artgenossen, Außenreize und Bewegung - diese Kombination ist Gold wert.

Inzwischen hat es sich herum gesprochen und sogar immer mehr klassische Reitställe unternehmen Versuche, die Boxenhaft aufzulösen: Pferde können dann am ehesten Pferd sein, wenn sie frischen Wind um die Nase, Kontakt zu Artgenossen - im Idealfall in der Herde - und Weidegang haben. Alleine wegen ihres hohen Vitamin D3-Bedarfs sollten Pferde so viel Zeit wie möglich im Freien verbringen können; zudem sind und bleiben es Herdentiere, für die die Herde Sicherheit bedeutet und Sinn gibt. Die Kommunikation und Interaktion mit anderen Pferden steigert ihre Ausgeglichenheit und ihr Wohlbefinden enorm, wovon wir Reiter wiederum profitieren.

 

Doch leider wird das Offenstallkonzept immer öfter missverstanden, indem die Pferdehalter sich durch die Marke Offenstall aus ihrer Verantwortung, sich aktiv um die Bewegung und Beschäftigung ihre Tieres zu kümmern, befreit fühlen. So kann ein Pferd, dass tagein, tagaus mit nur einem Kumpel auf einer kahl gefressenen Matschkoppel steht und sehnlichst darauf wartet, frisches Heu zu bekommen und endlich mal seinen "Schlammknast" verlassen zu dürfen - am besten mit seinem Mit-Insassen - , ein belastenderes, freudloseres und im Ernstfall traumatischeres Dasein fristen als ein Sportpferd in Boxenhaltung, das mehrmals am Tag behutsam trainiert und gefordert und somit ausreichend Reizen ausgesetzt wird.

 

"Meinem Pferd geht's gut, es steht ja draußen und kann sich bewegen" - das ist ein Satz, den man in der Freizeitreiterszene immer öfter hört und eine Überzeugung, die fatale Folgen für das Pferd haben kann. 

 

Pferde brauchen Reize, sonst stellen sich früher oder später Verhaltensauffälligkeiten und stressbedingte Krankheiten ein. In einer reizarmen Umgebung sind diese komplexen, intelligenten und lernfreudigen Wesen dramatisch unterfordert. Wir unternehmen oft viel, um unserem Pferd Außenreize zu ersparen, weil wir ja gelernt haben, wie sensibel und schreckhaft diese Fluchttiere doch sind. Aber auch das ist ein Missverständnis, beruhend auf meist gut gemeinter Vermenschlichung: Pferde sind sogar auf Reize angewiesen, um sich entwickeln und für ihr Leben lernen zu können - mit jedem Reiz, der von außen kommt und mit dem sie umzugehen gelernt haben, wächst ihre Erfahrung und Souveräntität, die dann in Flucht- und Gefahrensituationen zu ihrem Nutzen sind.

Fohlen suchen in freier Wildbahn regelrecht nach möglichst unterschiedlichen Reizen und werden dabei sogar manchmal vom Herdenchef zurückgepfiffen, weil sie es mit ihrer Abenteuerreise ein wenig übertreiben. Es ist richtig: Pferde sind sensibel und scheuen schnell, das gehört nun mal zu ihrem Überlebensprogramm. Doch genauso stark ausgesprägt ist ihre Neugierde und die will bedient werden. Fluchinstinkt und Neugierde gehen also Hand in Hand und bilden keinen Widerspruch!

Deshalb tut man keinem Pferd etwas Gutes, wenn man es in einem reizarmen Offenstall - zum Beispiel einer eingezäunten Koppel mit Unterstand, auf die täglich Raufutter gereicht wird, weil nach kürzester Zeit kein Grashalm mehr wächst - sich selbst überlässt und dabei noch glaubt, es artgerecht zu halten. Hand aufs Herz: Würden wir so leben wollen? Was nützt uns der freie Blick in den Sternenhimmel und die Sonne auf der Haut, wenn wir dabei vor Langeweile zugrunde gehen und verfetten, weil uns Abwechslung und Bewegung fehlt?

So passiert es immer öfter, dass Offenstall-Pferde gefährliches Übergewicht bekommen, weil ihre einzige Beschäftigung das Fressen und der Besitzer dem Irrtum verfallen ist, es müsse nicht bewegt werden - es könne ja laufen, wenn es wolle.

In freier Wildbahn haben Pferde Territorien, die mit unseren kleinen Weiden und noch kleineren Koppeln, geschweige denn Paddocks, nicht ansatzweise vergleichbar sind und in denen sie am Tag bis zu 40 Kilometer zurücklegen. (!) Sie tun dies auch zur Nahrungsaufnahme, im langsamen, gleichmäßigen Schritt. Gerade im Winter haben unsere Offenstall-Hauspferde diese Möglichkeit des Grasens mit Bewegung in der Regel nicht und stehen sich an den Raufen die Beine in den Bauch. Die Raufenfütterung ist natürlich nur schwer zu vermeiden, denn auch die robustete Koppel verschlammt im Laufe des Winters irgendwann und die Sommerweiden brauchen Zeit, um sich zu regenerieren. Aber das Heu kann beispielsweise in Netze gepackt werden - das geht auch in Raufen -, um den Pferden beim Fressen ein Minimum an Beschäftigung zu gewähren. Genauso können an einigermaßen trockenen Stellen auf der Koppel Heuhaufen am Boden verteilt werden, die die Pferde ablaufen müssen. Das Wasser sollte möglichst weit weg von der Raufe angeboten werden - auch das sorgt für Bewegung. Auch eine Frostweide, die ab und zu geöffnet wird, wenn der Boden genügend durchgefroren ist, ist sinnvoll.

Die Hauptverantwortung bleibt jedoch beim Besitzer - er muss begreifen, dass er auch und gerade bei der Offenstallhaltung dafür sorgen muss, dass das Pferd vor Langeweile nicht zu weben anfängt, durch den Zaun bricht oder andere Auffälligkeiten zeigt. Ein Offenstall sollte in seiner Gestaltung so abwechslungsreich wie möglich aufgebaut sein und es sollten dem Pferd überdies immer wieder kleinere Reize von außen gesetzt werden, um seine Neugierde und seine natürliche Lust am Sammeln von Erfahrungen zu befriedigen. Das können Pferdebälle sein, ein großer Tannenast aus dem Wald zum Beknabbern, Geschicklichkeitsspiele auf dem Platz, gemeinsame Spaziergänge in der Natur, eine Massage, Bodenarbeit und vieles mehr. Die Möglichkeiten sind selbst im Winter breit befächert, wo Witterung und Bedingungen uns Menschen das Offenstallleben oft so sehr erschweren, dass manche Reiter ihren Pferden die Eisen abnehmen lassen und ihnen "Winterpause gönnen"; ausgerechnet dann, wenn sie die Nahrung nicht in Bewegung, sondern weitgehend stehend aufnehmen.

Es hilft also alles nichts - wenn wir ein ausgeglichenes, zufriedenes Pferd zum Partner haben wollen, müssen wir uns auf regelmäßige Diskussionen mit unserem inneren Schweinehund einstellen; vor allem dann, wenn es draußen kalt und nass ist. Zwar drosseln auch Wildpferde im Winter die Energie, rücken enger zusammen und bewegen sich weniger als sonst, doch immer noch um Längen mehr als unsere vermeintlich so zufriedenen Offenstallpferde.

 

Buck Brannaman sagt in seiner Autobiografie, das Schlimmste, was man einem Pferd antun könne, sei, ihm keine Aufgabe zu geben. Innerhalb der wild lebenden Herde hat jedes Pferd seinen maßgeschneiderten Job, der ganzjährig besteht. Bei den Hauspferden sind wir Menschen gefragt, unseren Pferden ihre Daseinsberechtigung zu geben, sofern sie nicht in einer natürlich gewachsenen Herde ganzjährig auf sehr großem Terrain leben - was die Ausnahme der Regel ist.

 

Offenstallhaltung hat viele Facetten und entbindet uns nicht unserer Verantwortung. Zwischen einer kleinen, eingezäunten Matschkoppel, auf der zwei bis drei Pferde stehen, und einer weitläufigen Weide mit Waldbestand, einem Bachlauf und verschiedenen Untergründen, die eine harmonische Herde beheimatet, liegen Welten, aber beides wird unter "Offenstall" verzeichnet. Deshalb ist der Begriff "Offenstall" ansich kein Qualitätsmerkmal, sondern lediglich eine Bezeichnung. Der Wert eines Offenstalls steht und fällt mit den Menschen, die ihn führen und darauf achten, dass ihre Pferde genug Bewegung, Reize und Aufgaben erhalten. In diesem Sinne - packen wir es an! :-)