Darf ein Pferd "einfach so" stehen bleiben?

In vielen Reitlehren, auch in den moderneren Horsemanship-Richtungen, gilt immer noch die Maxime: Der Reiter entscheidet, wann das Pferd stehen bleibt, und hat unverzüglich zu reagieren, wenn es unterwegs "grundlos" anhält. In meinen Augen ist dies eine Einstellung, die nicht nur kurzsichtig anmutet, sondern das Vertrauensverhältnis zwischen Mensch und Pferd massiv beeinträchtigen kann. Aus meiner Sicht gibt es zu der obigen Frage nur eine Antwort: Ja. Ja, das Pferd darf stehen bleiben - und zwar dann, wenn es aus seiner Warte sinnvoll, wenn nicht sogar überlebensnotwendig ist, und das Stehenbleiben dem Vertrauen zwischen Tier und Mensch dient.

 

Was bläuen wir unseren Kindern ein, wenn wir sie an den Straßenverkehr gewöhnen? Sie müssen stehen bleiben, um zu schauen, ob ein Auto kommt, bevor sie eine Straße überqueren. Alles andere ist lebensgefährlich. Wir sind stolz und dankbar, wenn unsere Kinder diese Lektion verinnerlicht haben und nicht mehr von uns darauf hingewiesen werden müssen. Wie aber halten wir es mit unseren Pferden? Sie dürfen nicht selbstständig entscheiden, wann sie stehen und wann sie gehen, selbst wenn es aus ihrer Sicht genauso überlebensnotwendig ist wie das Halten des Kindes an einer stark befahrenen Straße.

Folgendes Beispiel illustriert, warum und in welcher Situation es sinnvoll sein kann, das Pferd halten zu lassen: Ein Reiter nährt sich auf seiner noch jungen, unerfahrenen und nervösen Stute auf einem normal breiten Weg, der kurz vor dem Stall abknickt, dem Außenpaddock. Das Pferd kann also vom Weg aus nicht einsehen, was sich am Boden vor dem Paddock abspielt. In dem Moment, in dem der Reiter abbiegt, nimmt die Stute ein "kleines, wuseliges, bewegtes Etwas" vor dem zirka zehn Meter entfernten Paddock wahr - und beginnt ihren Schritt extrem zu verlangsamen; sie will anhalten.

 

Pferde brauchen etwas Zeit, um ihre beiden Blickfelder zu kombinieren und scharfzustellen

 

Aus Pferdesicht ist dies ein vollkommen natürliches und sinnvolles Verhalten: Pferde reagieren auf optische Reize besonders sensibel. Aufgrund der seitlich liegenden Augen müssen sie jedoch ein paar Sekunden lang im Stehen fokussieren, um beide Sichtfelder zu kombinieren und scharfzustellen. Erst durch dieses Fokussieren, Kombinieren und Scharfstellen hätte die junge Stute also erkennen können, dass es sich bei dem "wuseligen Etwas" um einen ungefährlichen kleinen, graubraunen Hund handelt, der den Boden vor dem Paddock nach etwas Essbarem absucht (und sich farblich nur unwesentlich von dem Untergrund abhebt, dadurch also nicht leicht zu definieren ist).

Sein Besitzer aber reagiert auf das starke Verlangsamen seines Pferdes, indem er ihm in die Flanken tritt und ihn gleichzeitig die Gerte überzieht. Die Stute gerät dadurch in Panik und kann den Rest des Weges nur tänzelnd und voller Angst bewältigen, da sie ja immer noch nicht die Zeit hatte, zu erkennen, was sich da direkt vor ihr am Boden hin und her bewegt.

Derartige reiterliche Maßnahmen sind nicht nur ungerechtfertigt - sie beschädigen auch das Vertrauensverhältnis zwischen Pferd und Reiter. Bei einem intelligenten, sensiblen Pferd kann eine solche einzelne Situation genügen, um die letzten Meter zum Paddock mit Angst und Schmerz zu verbinden. Also wird es in Zukunft auf diesen letzten Metern immer wieder langsamer werden und stehen bleiben wollen - nun eine Vermeidungstrategie aus Furcht vor dem, was dort kommen könnte.

 

Junge Pferde müssen Erfahrungen sammeln können, um Sicherheit zu gewinnen

 

Leider wird uns Reitern immer noch eingebläut, dass wir der Anführer sind und wir bestimmen müssen, wann das Pferd geht und wann es anhält - und dass es das keinen Meter früher tun darf, als wir ihm das befehlen. Wir agieren damit jedoch vollkommen an der Pferdenatur vorbei. Selbstverständlich sollten wir in der Lage sein, dem Pferd klare Hilfen zu geben und die Kommunikation mit ihm sollte mit den Jahren immer reibungsloser funktionieren. Doch vor jedem Training steht der Vertrauensaufbau.

 

Junge Pferde müssen noch Erfahrungen sammeln können, um innere Sicherheit zu gewinnen. Die Zauberwörter dafür sind Zeit, Ruhe und Geduld. Mark Rashid erklärt in seinem Buch "Denn Pferde lügen nicht" sehr eindringlich und schlüssig, warum Pferde gewisse Dinge tun, die uns nicht gefallen - und dass sie es in den seltensten Fellen aus Ungehorsam, Trotz oder Faulheit tun (denn das sind Begriffe, die im Pferdekopf gar nicht existieren). So sind zum Beispiel sehr langsame Pferde oft geniale Energiesparer - und keineswegs faul.

In diesem Falle der jungen Stute wäre es aus meiner Sicht sinnvoll, das Pferd in aller Ruhe die Situation betrachten zu lassen und es dann sanft, aber konsequent dazu zu ermuntern, auch noch die letzten Schritte bis zum Zaun zu gehen - und es natürlich anschließend dafür zu belohnen. Reagiert der Reiter jedoch hektisch und strafen wie in meinem Beispiel, werden aus einem Unsicherheitsfaktor - dem kleinen Hund - zwei, nämlich Hund UND Reiter.

 

Welche inneren Muster spielen beim menschlichen Verhalten eine Rolle?

 

Nun sollte die Warte des Menschen niemals außer Acht gelassen werden. Einen Reiter, der derartig handelt, wegen seines Verhaltens zu beschimpfen, würde weder ihm noch seinem Pferd etwas nützen. Gerade wenn eine Reaktion derart impulsiv und unbedacht ausfällt, würde ich bei einem Coaching versuchen, herauszufinden, welche inneren Muster sich hinter einer solchen Tat verbergen könnten. Nach außen wirkt sie wie eine brachiale Machtdemonstration - aber warum ist sie aus dem Empfinden des Reiters heraus notwendig? Was genau veranlasst ihn dazu?

 

In einem gemeinsamen Gespräch würde ich bei einem Coaching folgende Aspekte abklopfen:

 

- Wie sieht es bei dem Reiter mit dem Thema Macht im eigenen Leben abseits des Stalls aus?

- Fühlt der Reiter sich in seinem eigenen Leben womöglich permanent getrieben? Hat er das Gefühl, niemals Pause machen zu dürfen und sich dabei die Dinge, vor allem neue Aspekte im Leben, in Ruhe ansehen zu können? Ist das Leben für ihn ein ständiges, anstrengendes Vorwärtsgehen?

- Alternativ: Braucht der Reiter stets sehr viel Zeit, um sich an Neues zu gewöhnen oder neue Schritte zu gehen, und ist deshalb mit sich selbst womöglich nicht im Reinen? Möchte er vielleicht gerne schneller voranschreiten und begreifen lernen, warum er für neue Schritte so viel Zeit braucht, sie vielleicht manchmal gar nicht geht, sondern sich wieder zurückzieht, obwohl er dadurch eventuell Verluste macht?

- In welchen Lebensbereichen kann er sich durchsetzen, in welchen nicht?

- Wo glaubt er, sein Gesicht wahren zu müssen und keinesfalls Schwäche zeigen zu dürfen?

 

Sicherlich kämen bei einem Gespräch auch noch andere Punkte zum Tragen - das lässt sich von außem niemals beurteilen. Aber auch in diesem Fall kann das Pferd ein wertvoller Schlüssel zum inneren Ich sein, zu alten, hinderlichen Mustern und negativen Überzeugungen.

 

Fazit: Gemeinsame Beobachtungspause als Vertrauensaufbau

 

Aus meiner Sicht ist es kein Machtverlust, ein Pferd anhalten zu lassen, damit es sich eine neue Situation anschauen kann. Denn nur so wird es Vertrauen in sich und in den Reiter gewinnen können (bei meinem scheuen Island-Wallach und mir waren es übrigens genau diese Beobachtungspausen, die uns in den ersten Wochen zusammenschweißten - und einmal vor einer Gruppe Rehe bewahrte, die genau an der Stelle durchs Unterholz brach, an der wir uns befunden hätten, wenn ich nicht auf mein Pferd gehört und es weitergetrieben hätte. Skári wusste sehr wohl, warum er anhielt, während ich die Rehe gar nicht wahrnehmen konnte).

Genauso wichtig ist es jedoch, dass wir uns in diesem Moment unserer Führungsrolle bewusst bleiben und diese "Beobachtungspause" nicht passiv über uns ergehen lassen oder sie etwa dazu nutzen, auf unserem Handy herumzuklicken, sondern gemeinsam mit dem Pferd schauen und im Zweifelsfall entscheiden, dass das, was es gesehen hat, nicht bedrohlich ist und wir weiterziehen können. So machen es übrigens Leithengste und Leitstuten in freier Wildbahn auch.

 

Anonsten ist Stehenbleiben und Gucken bekanntlich die "milde Variante". Bei fliegenden Objekten oder einem plötzlichen Rascheln im Unterholz wird auch gerne mal die Steigerung angewendet: Wegscheuen, schnellen Halbkreis laufen, stehenbleiben, gucken. Das geht dann mitunter so schnell, dass der Mensch gar nicht mehr reagieren kann (und sich nicht selten auf dem Boden wiederfindet). :-)

Aber auch dieses Verhalten ist normal und kann einem Pferd niemals vollkommen ausgetrieben werden. Wieso auch? Ein Pferd ist ein Pferd. Es will überleben wie wir auch. Also lassen wir es doch tun, was aus seiner Sicht dazu notwendig ist, bis das Band des Vertrauens zwischen uns so fest gewoben ist, dass es gelernt hat: Wenn der da oben sagt, ich kann weiterlaufen, ohne genau gesehen zu haben, was am Boden herumwuselt, dann tu ich das auch.

 

(verfasst von Bettina Belitz, 2017)